Stellen sie sich vor, Sie wären Flüchtling…

Das Thema Flüchtlinge ist ja nun schon seit längerem in aller Munde. Jeder hat eine andere Meinung, wenn überhaupt begründet, aufgrund von Gerüchten und Vorurteilen, die teils weder Hand noch Fuß haben.

Sobald ein Flüchtling etwas stiehlt, es Prügeleien in Flüchtlingsheimen gibt, in denen Menschen, die Krieg, Tod und Verfolgung erlebt haben und verschiedensten Glaubensrichtungen angehören, auf engstem Raum zusammengepfercht sind, kommt immer jemand und sagt: „Hab ich doch gleich gesagt, dass das alles Verbrecher sind“ oder: „Denen kann man nicht trauen, diesen Schmarotzern“.

Sie versuchen nicht einmal, die Lage von Flüchtlingen nachzuvollziehen, die meist nach Jahren der Flucht, in denen sie furchtbarste Dinge erlebt und gesehen haben, voller Hoffnung zu uns kommen, um hier in Frieden und Freiheit zu leben. Doch hier müssen sie noch einmal jahrelang in Flüchtlingsheimen bangen, ob sie denn nun bleiben dürfen oder zurück dahin müssen, wo sie Familienmitglieder sterben sahen, gefoltert oder verletzt wurden.

Sie kommen also nach langer Zeit des Hungerns und beinahe Verdurstens zum ersten Mal in einen deutschen Supermarkt und sehen, wie völlig intakte Nahrungsmittel, die nach dem Mindesthaltbarkeitsdatum nicht mehr haltbar sein sollen, entsorgt werden. Wie Regale mit riesigen Mengen von Dingen gefüllt sind, die sie vielleicht noch nie gesehen haben.

Menschen, die in einer völlig anderen Kultur als unserer aufgewachsen sind und teils seit Jahren nichts anderes als Krieg erlebt haben, wissen nicht mit dem Konsumwahn unserer Kultur umzugehen. Sie wissen nicht, wie unsere Gesellschaft funktioniert, kennen unsere Sprache nicht. Und dann begegnen wir ihnen mit Vorurteilen, Abscheu oder sogar Hass.

Wenn im Bus ein leerer Platz neben einem Flüchtling und einer älteren, hellhäutigen Dame frei wäre, welchen würden Sie wählen? Und welchen würden Sie Ihrer Tochter oder Ihrem Sohn empfehlen?

Neulich im Bus sind mehrere Personen hinten eingestiegen, ohne ihr Ticket vorzuzeigen. An der nächsten Haltestelle kam der Busfahrer nach hinten, ging zu dem einzigen Dunkelhäutigen im gesamten Bus und bat ihn, sein Ticket vorzuzeigen. Alle Mitfahrer drehten sich um, wollten sehen, wie es weiterging. Der Mann holte sein Portemonnaie heraus und zeigte sein Ticket vor. Der Busfahrer, der regelrecht erstaunt war, drehte sich nach einem Moment des Schweigens peinlich berührt um. Und wissen Sie, wer etwas dagegen unternommen hat? Niemand.

Dieses ständige Wegsehen, Verdrängen und dann das Entsetzen, wenn ein Bruchteil des Terrors, der in anderen Ländern zur Tagesordnung gehört, zu uns nach Europa kommt, ist einfach abscheulich. Wenn wir einen winzigen Teil dessen zu spüren bekommen, was die angeblichen „Schmarotzer“ über Jahre hinweg Tag für Tag erlebt haben.

Würden wir Europäer fliehen und nach schlimmsten Erlebnissen und psychisch total am Ende in ein reiches Land kommen, das im Überfluss lebt und es sich leisten könnte, täglich Massen an Lebensmitteln wegzuschmeißen, und dann würden wir so behandelt? Wenn uns mit Misstrauen begegnet würde, wenn wir eher verdächtigt würden als Einheimische, wenn wir in Flüchtlingsheimen mit Fremden und Andersgläubigen zusammengepfercht würden – was glauben Sie, wie Sie reagieren würden? Wenn Sie in diesem neuen Land wären von dem Sie die Sprache nicht verstünden, dessen Kultur und Gesellschaft sie nicht kennen? Und dann wäre da im Hintergrund noch diese immerwährende Unsicherheit, ob Sie bleiben dürften oder zurück müssten – in den fast sicheren Tod. Und neben all dem hätten Sie keine Ahnung, wo Ihre Familie wäre, ob diese überhaupt lebt.

Und jetzt sagen Sie noch einmal, dass Sie keine Flüchtlinge hier haben wollen, dass das alles Verbrecher sind und brüllen Sie: „Flüchtlinge raus!“ – wenn Sie das wirklich guten Gewissens können.

Laura König, 8e (Dieser Artikel wurde im Rahmen des Zeus-Projekts erstellt.)

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