Mein Wochenende als Journalistin in Köln

Vier Tage beim Seminar für junge Journalist*innen in Köln. Hier muss ich meine erste Reportage recherchieren und schreiben. Doch wird mir das gelingen?

Meine Mitjournalist*innen und ich im Studio. Hier werden die RTL-Magazine Exklusiv, Explosiv und RTL-Aktuell gedreht.

Es ist Donnerstag Vormittag, der Wind weht. Der Bus hält vor mir, die Türen öffnen sich. Ich wuchte meinen Koffer hinein, will mein Ticket vorzeigen. Der Busfahrer winkt mich mit einem Lächeln weiter. Mit wippenden Beinen sitze ich im Bus, lasse meinen Blick vom Zugticket über den Koffer zum Fenster schweifen. „Nächste Haltestelle: Duisburg Hauptbahnhof“- das ist mein Stichwort, ich steige aus. Kurze Zeit später sitze ich im ICE. Ich halte den bunten Flyer in der Hand. Er hat mich erst dazu gebracht, mich anzumelden.

„Medienwerkstatt der Konrad-Adenauer-Stiftung“ steht in großen Buchstaben darauf. Den Zeitplan habe ich ausgedruckt und auch schon einen Blick darauf geworfen. Später beziehen wir erst unsere Zimmer, dann sollen wir zusammen zur RTL-Mediengruppe laufen, wo sich unser Seminarraum befindet. Anschließend geht es auch schon los: „Was ist eine Reportage? Reportage vs. Bericht“, darüber werden wir sprechen. Gemeinsame Abendessen, noch mehr Infos zum Schreiben von Reportagen. Auch Infos zum „richtigen Foto“ sind dabei. Am Samstag kommt dann das große Finale: ab dem späten Vormittag sollen wir irgendwo in Köln eine Person finden, über die wir bis zum Abend unter dem Titel „Schäl Sick“ eine Reportage geschrieben haben sollen – um 19 Uhr ist Redaktionsschluss. Später erfahren wir, dass es in Köln die „richtige“ Seite gibt, mit dem Dom, und die „falsche“, die „Schäl Sick“. Und ich soll nun ganz alleine losziehen, Leute ansprechen? Jemanden finden, der mit mir redet? Bei diesen Gedanken wird mir ganz mulmig. Und generell, wie werden die Leute sein? Mit wem komme ich auf ein Zimmer?

„Nächster Halt: Messe Köln-Deutz, Ausstieg rechts in Fahrtrichtung“. Ich hieve meinen Koffer von der Gepäckablage. Google-Maps ist schon geöffnet, und ich verlasse den zugigen Bahnhof. Langsam nähert sich der blaue Punkt auf der Karte meinem Ziel, der Jugendherberge. Meine Hände sind eiskalt. Ich sehe den Eingang, atme tief ein- und gehe hinein.

Jetzt geht alles ganz schnell. Auf der Toilette treffe ich eine Gruppe von Mädchen und Jungs, die auch am Seminar teilnimmt, sie alle sind etwas jünger als ich- und sie sind alle zusammen gekommen. Dann tritt ein dunkelhaariges Mädchen im roten Mantel auf mich zu. „Hi, ich bin Jule- du bist auch alleine hier?“, fragt sie und lächelt. Ich grinse zurück. Wir verstehen uns von der ersten Sekunde an. Weil wir viel zu früh da sind, beschließen wir, noch ein bisschen zusammen in die Innenstadt zu gehen. Wir müssen nur einmal über den Rhein, schon sind wir beim Kölner Dom. Wir lachen und quatschen, und langsam fällt die Anspannung von uns ab. „Es ist halb zwei- wir sollten zurück“, sagt jemand und wir kehren zur Jugendherberge zurück.

Dort lerne ich meine Zimmernachbarin kennen. Sie möchte mal Autorin werden, erzählt sie. Wir bestaunen unser Zimmer. Es ist mit Abstand das größte, sodass wir uns abends immer hier mit den Anderen treffen werden. Dann müssen wir runter, lernen unsere Workshopleiterinnen kennen. Christina und Caro heißen sie, beide jung und nett. Nach einem kurzen Fußweg betreten wir alle zusammen eine andere Welt: das RTL- Medienhaus. Außen besteht es aus Backsteinen, „die unter Denkmalschutz stehen“, wie uns am nächsten Tag bei einer Führung erklärt wird. Das Herz des Gebäudes ist ein riesiger Innenhof, mit Pflanzen und kleinen Geschäften. Überall wuseln Menschen herum, Moderatoren, Journalisten.

Mit offenen Mündern laufen wir durch die vielen Gänge, unsere Augen leuchten. Wir kommen zu unserem Seminarraum. Er ist groß, mit Blick auf den Rhein. Wir stellen uns vor, führen miteinander Interviews und lernen uns alle ein bisschen kennen. Dann geht es mit dem Input los: Ich erfahre, was die Unterschiede zwischen einem Bericht und einer Reportage sind, was ich beim Schreiben einer solchen beachten muss. In den folgenden Tagen werden wir auch herausfinden, was eigentlich ein gutes Foto ausmacht. Abends essen wir stets zusammen, das Essen wird von der Stiftung bezahlt.
Am Freitag geht es dann richtig los: von morgens bis abends sitzen wir im Seminarraum, lernen, verstehen, schreiben einen ersten Einstieg in eine mögliche Reportage.

Während einer Führung durch die Studios besichtigen wir auch den Ort, wo „Guten Morgen Deutschland“ gedreht wird. Unsere Seminarleiterin durfte eine Beispielshow moderieren.

In der Mittagspause sollen wir versuchen, ein Foto zu machen- von irgendeiner Person mitten in Köln. Dabei muss der Fokus auf dem Menschen liegen, eine Aktion, Betätigung einfangen. Außerdem sollen wir die Techniken anwenden, die uns vorher erklärt wurden. Goldener Schnitt, Zwei-Drittel-Regel, das richtige Licht: das alles bedenken wir. Zusammen ziehen wir los, sprechen wildfremde Menschen an. Die erste Frau, die ich frage, lehnt kopfschüttelnd ab. Dabei hätte sie ein wirklich schönes Motiv abgegeben, wie sie da mit einem Strauß Blumen an der Rheinpromenade steht und das Gesicht zur Sonne reckt.

Der Kölner Dom ragt auf der anderen Seite zwischen den Häusern hervor. Ich bin enttäuscht, ein bisschen verunsichert, und die anderen sind es auch. Bis eine von uns zwei dunkelhaarige Mädchen überzeugt, sich abbilden zu lasen. Ab hier reagiert beinahe jeder, den wir ansprechen, mit einem Lächeln und hilft uns. Ich habe am Ende einen Straßenmusikanten, eine Fahrradfahrerin in einer leuchtend orangefarbenen Jacke, einen Kaffeeverkäufer, sowie eine dunkelhaarige Frau mit einem Laptop auf dem einen Bein abgebildet. Ich entscheide mich für das Foto mit der „Laptopfrau“, wie wir sie später nennen werden. Auch die anderen haben ausdrucksstarke Fotos: einen Bundeswehrsoldaten, demonstrierende Frauen von der Kölner Suppenküche, einen Mann mit wettergegerbtem Gesicht, der entspannt auf seinem Rollator sitzt. Er hält eine Zigarette zwischen den Fingern.

Freitag Abend sitzen wir in unserem Zimmer, quatschen, tauschen uns aus. Wir alle sind nervös, haben Angst. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich innerhalb weniger Stunden das Material für eine ganze Reportage sammeln soll. Werde ich jemanden finden, der sich mir einfach so öffnet, der Zeit hat, und trotzdem interessant genug ist? Viele haben schon Ideen, Jule möchte zum Beispiel in ein Brautmodengeschäft. Andere werden auf Flohmärkte nach Geschichten suchen, in Brauereien, Museen. Wir müssen jemanden finden, der eine Herausforderung bewältigen muss, und stehen dabei selber vor der allergrößten.

Zu sechst begeben wir uns nach Köln-Mülheim. Mit feuchten Händen steigen wir in den Bus. Fast verpassen wir die richtige Haltestelle, doch als der Bus hält, springen wir gerade noch rechtzeitig durch die Türen. Mit einem leisen „Uff“ schließen sie sich hinter uns. Wir stehen auf einer erhöhten Haltestelle, schauen auf einen belebten Wochenmarkt hinunter. Mit zitternden Beinen steigen wir die breiten Treppenstufen herab. Ein eisiger Wind weht. Die Marktverkäufer schreien um die Wette, preisen ihre Waren an. Wir schlendern zwischen den Ständen unter den leuchtend orangefarbenen Markisen hindurch. Wir alle zittern, teils vor Nervosität, teils wegen des kalten Windes. Stände voller Obst und Gemüse sind um uns herum, Fischverkäufer und regionale Bauern buhlen um die Aufmerksamkeit der Menschen. Einer von ihnen fasziniert mich besonders. Er bietet regionale Produkte an und lächelt mich freundlich an. Mit großen Schritten gehe ich auf ihn zu. „Guten Tag, verkaufen Sie wirklich nur regionales Gemüse?“, frage ich ihn. Ich versuche, unsere Strategien anzuwenden. Erst einmal mit Smalltalk beginnen, und dann freundlich das eigentliche Anliegen schildern. Auf meine Nachfrage, ob ich ihn vielleicht für einige Minuten bei seiner Arbeit begleiten dürfe, antwortet er aber verneinend. Er habe leider keine Zeit, sagt er mit einem letzten Lächeln. Er wendet sich ab und dreht sich zur nächsten Kundin, einer älteren Dame mit geblümten Kopftuch.
Enttäuscht und verunsichert verlassen wir den Markt. Wir wollen in Richtung der Einkaufsstraßen. Wir gehen an einigen Ketten vorbei: KFC, Dm. Doch wir alle wollen eine außergewöhnliche Geschichte, etwas Neues und Faszinierendes.

Plötzlich sehe ich rechts von mir einen kleinen Blumenladen. Draußen stehen einige Osterglocken. Intuitiv spüre ich, das ich hier richtig bin. Ich liebe Blumenläden, das habe ich von meiner Mutter. Bei uns in der Familie haben alle einen grünen Daumen. Ich atme tief ein, dann schiebe ich die weiße Tür auf. Ich werde von einem leisen Bimmeln begleitet, während ich eintrete. Sofort steigt mir der Duft nach Blumen in die Nase. Mohnblumen, Schlehen, Eukalyptus, Rosen. In jedem Winkel des hellen Raumes befinden sich Blumen über Blumen, Karten, Deko, kleine Clowns (passend zur Karnevalszeit). Sofort beruhigt sich mein Herzschlag. Die anderen stehen wie eine Mauer hinter mir. Sie bangen, hoffen mit mir, dass ich Erfolg habe.

So heißt Ellens kleiner Blumenladen mitten in Köln-Mülheim.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragt mich die Frau mit den kurzen blonden Haaren und der grünen Schürze. Sie kommt hinter dem weißen Holztresen hervor. Er grenzt den Verkaufsraum vom Arbeitsraum ab. Hinter ihr bindet eine junge Frau mit langen pinken Haaren einen Strauß zu Ende. Ich schildere meine Situation. „Ich bin von einem Seminar für junge Journalisten von der Konrad-Adenauer-Stiftung, und wir müssen bis heute Abend eine Reportage schreiben. Ihr Laden hat mich irgendwie direkt angesprochen.“, erkläre ich. Sie erklärt sich sofort bereit, mir zu helfen, stellt einen weißen Stuhl neben den Tresen. Ich setze mich und ziehe meinen Block und den Kugelschreiber heraus. Für einige Minuten beobachte ich still das Geschehen. Leute kommen und gehen, sie lacht, redet mit allen. Der Duft der Blumen liegt schwer in der Luft, ist aber nicht unangenehm. Immer wieder hört man das Klacken der Scheren. Als der Kundenstrom kurz abbricht, beginnt sie zu erzählen. Sie heiße Ellen, habe den Laden vor einigen Jahren gegründet. Eine Stunde lang erfahre ich mehr über ihren Beruf, ihre Leidenschaft, ihre Liebe zu den Pflanzen und zur Natur. Sie setzt sich für den Umweltschutz ein, beginnt damit in ihrem eigenen Laden. Seite um Seite mache ich mir Notizen, sauge alles auf. Mit der Zeit nehme ich immer mehr wahr: das leise Plätschern der Heizung, die „kaputt ist“, wie mir Ellen erklärt. Ich entspanne mich, werde sicherer. Endlich kann ich auch die Tipps berücksichtigen, die Caro und Christina uns gegeben haben. Keine geschlossenen Fragen zu stellen zum Beispiel. Das ist auch etwas, was mir vor allem zu Beginn des Gesprächs mehrmals passiert. Nach einer Stunde beschließe ich, dass ich genug Material zusammenhabe. Ich treffe mich mit den anderen, wir holen uns etwas zu essen. Tatsächlich hat jeder von ihnen jemanden gefunden, eine Geschichte gefunden, die erzählt werden will.

Mit dem Bus fahren wir zurück. Euphorisch lachen wir, sind zufrieden mit und ein bisschen überrascht von uns selbst. Die nächsten Stunden vergehen wie im Flug: wir schreiben und schreiben und tippen, bis uns die Finger wehtun.
Pünktlich um 19 Uhr habe ich es dann geschafft: meine erste eigene Reportage ist fertig!

Wir durften Köln auch auf eigene Faust entdecken. Die gemeinsame Zeit hat uns alle zusammengeschweißt.

Laura König, Q1

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